Wutlos glücklich

Ich merkte wie die Wut in meinen Finger sich meldete. Von da strömte sie in den ganzen Körper. Bis zum Kopf, und da begann ihr katalytisches Wirken. Die Abfolge der Gedanken gewinnt an Geschwindigkeit, und ich merke wie ich davon entzückt bin. Ich merke wie meine Kreativität bezüglich Ideen durch dieses Gemüt gefordert wird. Ich werde mich wohl nie daran gewöhnen, und jedes Mal überrascht sein.

Woher meine Wut kommt? Ich trage sie immer mit mir herum. Sie ist meine, meistens unbeachtete, Begleiterin. Oft, wenn sie nur subtil agiert, drückt sie meine Gemüt. Wenn sie auf dem Höhepunkt ist, scheint mir alles möglich. Dieses Leuchten ist leider selten, und wird sogleich von der Tatsache gebremst, dass ich nur all zu gut weiss, dass ich all meine Ideen nie umsetzen werde. Die Wut verrinnt wieder in ihr Versteck in mir, und agiert nur noch aus dieser Festung heraus.

Aber ich habe die Frage eigentlich gar nicht beantwortet. Die Wut sammelt sich an, durch den Unterschied, der sich wie eine Mauer manifestiert, zwischen meinen Ansichten bezüglich dem was der Mensch sein soll, und dem was ich um mich herum mitbekomme. Nicht aus meiner Umgebung, denn da decken sich Vorstellung und Wirklichkeit oft: Dieser Wiederspruch entspringt dem was ich in Zeitungen lese, am Radio höre und am Fernseher sehe.

Wie gierig nährt sich meine Krankheit von diesem Nährstoff, wie willkommen ist ihr diese Diskrepanz zwischen dem, was ihrem Wirt logisch erscheint, und dem was ihm seine Reize mitteilen.

Wieso soll ich mich sorgen machen? Mir geht es gut. Ich möchte sagen ich lebe gut, wenn man nicht immer vorwerfen würde ich sei naiv. Man sagt mir auch, ich würde mich mit dem zufrieden geben was ich habe. Ist das falsch? Ist mein ewiges Lächeln nur ein Anzeichen von Ignoranz? Muss sich ein intelligenter Mensch dauernd mit den Missstände beschäftigen die er sieht? Bin ich egoistisch wenn ich dafür gewisse Zeitspannen vorgesehen habe, und in der restlichen Zeit es mir gut gehen lasse, weil ich sehe und fühle, dass es mir gut geht?

Soll ich mich schämen, weil ich mich wohl fühle, mich dadurch sicher fühle und dadurch Erfolg habe in dem was ich mache?

Und doch ist da diese Versteckte Wut, die Wut über die Umstände, über die Normen, die mir vorschreiben möchten, wie ich zu sein habe.

Und ich füge mich ihnen. Dadurch gewinne ich an Wut, denn ich habe den Eindruck die Normen basieren auf Grundgerüste die weniger stabil sind als mein eigenes. Und weniger Menschlich.

Die Zeit hat an dem Fundament dieser alten Normen genagt, und ihr scheitern war schon oft offensichtlich. Sie wurden schon oft geflickt, notdürftig.

Wieso soll ich also dieses wankende Gerüst meinem vorziehen. Mir scheint es nämlich stabiler, denn es baut auf meine eigenen Ideen auf.

Mir geht es gut. Meine Grundmauern scheinen robust zu sein. Ich muss aber zugeben, dass die Zeit noch nicht ihr wirken zeigen konnte, und auch noch keine Feldstudien an tausende von Individuen durchgeführt werden konnten. Sehr wahrscheinlich wären anschliessend genau so spröde wie die jetzigen Ideen hinter den Normen.

Bin ich zu einfältig? Sind dies wieder Gedanken die schon etliche vor mir gemacht haben? Sind sie dadurch langsam zu Standardsätze geworden? Ist ein Gedanke weniger Wert weil er öfter gedacht wurde?