J.

Vorbei. 
Es gab viele Auswege, doch ich habe mich für den Einfachsten entschieden. 
Das ist der Grund, warum ich heute lebe; das habe ich allein mir zu verdanken, ich habe mir selbst ein neues Leben geschenkt. 
Den Richtern habe ich aufs Wort genau das gesagt, was sie hören wollten, doch sie haben es trotzdem nicht erwartet. 
Darum bin ich nun frei, so frei, wie ich noch nie war, und ich kann dadurch ein neues Leben 
beginnen. Jenes wird so grundsätzlich anders sein als meine vorherige Kriegsmacherei, wie ich es mir, im Moment, noch gar nicht vorstellen kann. 
Ich habe mich von meinen Idealen leiten lassen, wie sich sonst nur Narren verleiten lassen können. 
Für mein Vaterland habe ich gekämpft, ein Vaterland, das damals noch nicht existierte. 
Diejenigen, die sich mein Werk zunutze gemacht haben, sind nicht von Idealen geleitet, nur von sich selber, ihrer Machtgier zuliebe. 
Aber bin ich nicht auch selber dieser Machtgier verfallen? Was berechtigt mich dazu, mich von dieser Masse an menschlicher Geier abzuheben? 
Es ist mir gleichgültig, denn meine Utopie hat sich in Realität gewandelt. 
Erst jetzt sehe ich das ungeschminkte Gesicht meiner so schönen Ideen. 
Ein korruptes Konstrukt, das auf Blut gebaut ist; Blut, das ich vergossen habe, im Namen meiner Ideen, die sich nun gegen mich gestellt haben. 
Nun habe ich meinen Kopf selber aus den Flammen geholt, ich lebe… 
Unwichtig scheint mir nun alles, alles was mich umgibt, alles was in diesem Land, ja, in dieser ganzen Welt geschieht, welchen Wert sollte es noch für mich haben? 
Erschöpft und müde, so könnte man mich bezeichnen, und so ähnlich sind diese beiden Begriffe gar nicht. 
Meine Gedanken bewegen sich schnell, wie damals meine Männer in der Schlacht. 
Männer, die Söhne, Väter und Ehemänner waren, die für ein Vaterland gestorben sind, das damals noch in der Wiege lag, und sie nicht kannte. 
Ein Vaterland, das nur geboren werden konnte, indem es seine eigenen Söhne in den Tod geschickt hat – angeführt durch mich. 
Ist es nicht eine Ironie des Schicksals, dass gerade ich diese Aufgabe ausführen musste, die doch scheinbar durch Gottes Willen befürwortet wurde… 
Gott will also, dass Länder aus dem Blut hervorgehen, nur um danach noch mehr Blut vergießen zu können, um ihre Position zu legitimieren? 
Mein Blut bekommen sie nicht, zumindest nicht heute, auch wenn es eine sehr gut geplante Tarnung für ihr Blutvergießen gewesen wäre. 
Nun verlasse ich die Bühne dieses Theaters, das die große Welt darstellt, meine Rolle ist zu Ende gespielt… Nicht durch ein heroisches Ende, sondern in der denkbar verachtenswertesten Art. Zumindest in den Augen derer, die den Mut preisen, diesen Mut, der durstig und hungrig nach Blut und Anerkennung ist. 
Wird jemals jemand diese Bühne besteigen, diese Bühne der Macht, der je an etwas anderes denken wird als an seine Macht? 
Derjenige könnte vielleicht dieses grausige Schauspiel neu besetzen und seine Handlung umschreiben. 
Der Vorhang fällt nicht heute, nicht durch mich, nicht meinetwegen. 
Der Tag war lang und er endet hier, nicht durch meinen Tod, sondern durch 
seinen friedvolleren Bruder, dem Schlaf.Vorbei. 
Es gab viele Auswege, doch ich habe mich für den Einfachsten entschieden. 
Das ist der Grund, warum ich heute lebe; das habe ich allein mir zu verdanken, ich habe mir selbst ein neues Leben geschenkt. 
Den Richtern habe ich aufs Wort genau das gesagt, was sie hören wollten, doch sie haben es trotzdem nicht erwartet. 
Darum bin ich nun frei, so frei, wie ich noch nie war, und ich kann dadurch ein neues Leben 
beginnen. Jenes wird so grundsätzlich anders sein als meine vorherige Kriegsmacherei, wie ich es mir, im Moment, noch gar nicht vorstellen kann. 
Ich habe mich von meinen Idealen leiten lassen, wie sich sonst nur Narren verleiten lassen können. 
Für mein Vaterland habe ich gekämpft, ein Vaterland, das damals noch nicht existierte. 
Diejenigen, die sich mein Werk zunutze gemacht haben, sind nicht von Idealen geleitet, nur von sich selber, ihrer Machtgier zuliebe. 
Aber bin ich nicht auch selber dieser Machtgier verfallen? Was berechtigt mich dazu, mich von dieser Masse an menschlicher Geier abzuheben? 
Es ist mir gleichgültig, denn meine Utopie hat sich in Realität gewandelt. 
Erst jetzt sehe ich das ungeschminkte Gesicht meiner so schönen Ideen. 
Ein korruptes Konstrukt, das auf Blut gebaut ist; Blut, das ich vergossen habe, im Namen meiner Ideen, die sich nun gegen mich gestellt haben. 
Nun habe ich meinen Kopf selber aus den Flammen geholt, ich lebe… 
Unwichtig scheint mir nun alles, alles was mich umgibt, alles was in diesem Land, ja, in dieser ganzen Welt geschieht, welchen Wert sollte es noch für mich haben? 
Erschöpft und müde, so könnte man mich bezeichnen, und so ähnlich sind diese beiden Begriffe gar nicht. 
Meine Gedanken bewegen sich schnell, wie damals meine Männer in der Schlacht. 
Männer, die Söhne, Väter und Ehemänner waren, die für ein Vaterland gestorben sind, das damals noch in der Wiege lag, und sie nicht kannte. 
Ein Vaterland, das nur geboren werden konnte, indem es seine eigenen Söhne in den Tod geschickt hat – angeführt durch mich. 
Ist es nicht eine Ironie des Schicksals, dass gerade ich diese Aufgabe ausführen musste, die doch scheinbar durch Gottes Willen befürwortet wurde… 
Gott will also, dass Länder aus dem Blut hervorgehen, nur um danach noch mehr Blut vergießen zu können, um ihre Position zu legitimieren? 
Mein Blut bekommen sie nicht, zumindest nicht heute, auch wenn es eine sehr gut geplante Tarnung für ihr Blutvergießen gewesen wäre. 
Nun verlasse ich die Bühne dieses Theaters, das die große Welt darstellt, meine Rolle ist zu Ende gespielt… Nicht durch ein heroisches Ende, sondern in der denkbar verachtenswertesten Art. Zumindest in den Augen derer, die den Mut preisen, diesen Mut, der durstig und hungrig nach Blut und Anerkennung ist. 
Wird jemals jemand diese Bühne besteigen, diese Bühne der Macht, der je an etwas anderes denken wird als an seine Macht? 
Derjenige könnte vielleicht dieses grausige Schauspiel neu besetzen und seine Handlung umschreiben. 
Der Vorhang fällt nicht heute, nicht durch mich, nicht meinetwegen. 
Der Tag war lang und er endet hier, nicht durch meinen Tod, sondern durch 
seinen friedvolleren Bruder, dem Schlaf.

 

 

Erwachen, ohne den Drang, etwas machen zu müssen, ein Geschenk.
Viele würden sagen, ein Geschenk des Himmels, aber der Himmel, vertreten von seinen Handlangern, hätte mich verbrennen lassen, um mich dann gereinigt in ein anderes Feuer zu werfen.
Der Mensch ist seines Glückes Schmied, wir müssen unser Leben selbst in die Hand nehmen, wir müssen darum kämpfen, auch wenn es manchmal moralisch nicht auf die ehrenwerteste Weise geschieht.
Moral soll nur dann Moral sein, wenn sie dem Menschen Nutzen bringt, und nicht, wenn sie von den bereits Mächtigen dazu missbraucht wird, um ihre Macht noch zu vergrößern.
Ich war jemand, man kannte mich, man hat mir zugejubelt, ich hatte eine ganze Armee, die mir gehorchte, und nun… bin ich ein Niemand für sie alle. Für mich selbst dagegen bin ich nun ich selbst.
Es wäre eine Lüge zu sagen, es ginge mir jetzt besser, denn es ist unsere Natur, der Mensch ist ein soziales Tier, das nach Macht und Anerkennung dürstet.
In meiner Jugend war ich auch so, ich war es sogar noch bis gestern, ich hätte einen heroischen Tod sterben können, für den die kommenden Generationen mich bewundert hätten, für den ich eine Ikone für mein Land geworden wäre…
Was bringt uns aber der Ruhm über den Tod hinaus? Denken wir, durch ihn wäre unser Leben nicht sinnlos gewesen? Aber denken wir denn überhaupt darüber nach, wie viel uns dieser Ruhm gekostet hat, und nicht nur uns…
Wie viele Menschen sind durch mein Schwert und jenes meiner Männer gestorben? Und dies nur um unser Land zu errichten, um die Mächtigen auf ein Podest der Unsterblichkeit zu heben, und mich dazu.
Es ist deine moralische Verpflichtunges ist zum Wohle deines Landes… Die Moral wird von den Mächtigen definiert, um sie in den Institutionen der Unterdrückung in unsere Köpfe einzutrichtern, um uns unter keinen Umständen auf den Gedanken zu bringen, wir könnten etwas unmoralisches gegen diese doch selbst so unmoralischen Machtträger tun. Es gibt keine Demokratie, wie sie die Griechen gepredigt haben, Demokratie ist nur das scheinbare Streben mehrerer, die doch nur zu einer Diktatur führt. Die Moral besagt, gebietet und erklärt den Menschen ins Zentrum aller Belange zu stellen, der Mensch als solcher – nicht der machtausübende Mensch, der Stärkere unter Schwachen.
Wir können gar nicht ausbrechen, wir sind in jeder Minute unseres Daseins verstrickt, in diesem Denken, in diesem System. Ich selber bin ebenfalls nicht entronnen, denn auch mich quält stetig das Streben nach Großem; ich bin diesem, durch meine gestrige Entscheidung nicht entronnen, ich bleibe noch immer ein Mensch…
Gibt es für uns noch Hoffnung? Ist der Glaube an die Menschheit noch ein verlässlicher Wert – oder haben Ideologie, Verblendung und Machthunger in den letzten Jahrhunderten einen solchen Flächenbrand verursacht, dass wir nicht mehr zu retten sind? Sind die Wunden in unserem Weltbild so tief und mannigfaltig, dass sie nicht mehr zu heilen sind?
Solange man die Macht hat, stellt man sich solche Fragen nicht, sie werden nur von den Kassandras dieser Welt gestellt. Jenen Frauen und Männern, die sich aus dem System gekämpft haben, und den andere Menschen, die noch der Traumwelt angehören, in der alles einen Sinn und Ordnung hat, nicht glauben.
Mein Leben hat  für diese Menschheit keinen Sinn mehr, denn sie braucht jene Stimmen nicht, die ihr kritisch gegenüber stehen. Sie alle glauben, ihr Weg sei der einzig richtige, und auch kleine Schwierigkeiten auf ihrem Weg, die eigentlich ein Omen für das sind, was kommen könnte, sind für sie keine Gründe für einen Kurswechsel. Wenn der Wind unter ihren Segeln fehlt, gibt es immer noch genug Mächtige, die den Schwachen das Pusten befehlen.
Ich werde meine Atemzüge anhalten, um euch vor diesem Schicksal zu warnen… doch auch dieses Anhalten wird nicht dazu führen, dass ihr selbst die Segel streicht…
Ein schwacher, egoistischer Trost bleibt mir, denn wenigstens ich spiele nicht mehr ihr Spiel. Ich hoffe, je mehr gegen diese Zustände aufbegehren, desto langsamer wird ihr Segelschiff fahren, desto weiter wird ihr Ziel rücken…das Ziel, das wir um keinen Preis der Welt erreichen dürfen… es wäre das Ende jedes denkenden Menschen außerhalb der Elite…und am Schluss – das Ende von allem.

 

 

Ich weiß nicht mehr was ich sagen, denken, leben soll.
Mein ganzes Leben, vor und nach meiner Entscheidung, scheint mir so blass, so entfernt von dem, was ein Mensch eigentlich sein sollte.
Wir preisen uns als Geschöpfe Gottes, wir sollten also nach anderen Idealen streben als lediglich denen der Macht.
Selbst nach meinem Wandel strebte ich noch eine andere Form der Macht an, eine Macht, die einfach nur anderen Menschen zugeflossen wäre. Die, die jetzt die Außenseiter sind, würden zu den neuen Mächtigen werden, aber würden sie es dann besser machen?
Wir können dieses System zum Einsturz bringen, aber hilft dies auch der Menschheit sich zu erheben und das zu sein, was wir uns erträumen?
Sind Frieden und Machtlosigkeit nicht nur fromme Wünsche und zerschlagene Hoffnungen, die nichts mehr mit dem Menschsein gemein haben?
Die ganze Kraft, die ich aufbringen konnte, als ich voller Leidenschaft für mein Ziel entbrannte zuvor für mein Vaterland, danach für die Menschheit – scheint sich verflüchtig zu haben.
Was bleibt, ist Unmut, Enttäuschung und bittere Erkenntnis…
Ich muss mich damit abfinden, dass nicht ich den Wandel bringen werde, den sich viele erhofften. Ich habe mich überschätzt, bei vielen Menschen sind meine Errungenschaften schon lange vergessen, da sie nur zu dem Ziel geführt haben, dass sich einige Mächtige erwünschten.
Ja, mein Vaterland wurde erschaffen, es trinkt nun das Blut der menschlichen Opfergaben, die wir für diesen Zweck zur Schlachtbank getrieben haben.
Ich habe mein Leben gerettet, durch meine Entscheidung, damals, vor dem Gericht. Ich habe meine Ideen und Überzeugungen verraten, nur um neue Überzeugungen anzunehmen, die scheinbar moralischer und ehrenwerter waren, nur um heute zu merken, dass diese Anstrengung völlig sinnlos war, da sich die Grundideen niemals verwirklichen lassen, und dass meine Gedanken, deswegen, nur dazu führen werden, dass andere Mächte erbaut werden, die doch nur wieder andere Menschen unterdrücken wollen und werden.
Ich wollte nur Harmonie, in meinem ganzen Leben, das gleichzeitig zu lang und dafür zu kurz war. Doch erschafft habe ich vor allem Schmerz, Verwüstung und Tod.
Ich bin schuldig der Täuschung, des Verrates und des Mordes an der Menschheit – nicht mehr und nicht weniger – wie alle andere Menschen, die um mich herum leben, aber hätte ich es nicht anders, besser machen können?!
Ich ziehe meine Schlüsse daraus und fälle mein Urteil, das genauso grausam sein soll und gleichzeitig die vollkommene Ruhe in mein Leben bringt, wie ich sie all meinen Opfern zuvor unerbittlich gebracht habe.
Mein Urteil wird der Tod sein… wie sich die Menschheit selbst ermordet, so wird mein Urteil auch von meiner Hand geschehen.
Meine Zeit ist vorbei, ich habe versucht, in meinem Leben etwas zu verändern, die Menschen, die Zeit, vielleicht die Welt zu ändern, gelungen ist es mir nicht. Das einzige, das mir gelungen ist, ist mein Leben künstlich zu verlängern, und den Richtern nicht die Genugtuung zu geben, mir das Leben aus der Hand zu nehmen.
So sterbe ich heute, alleine, nicht auf dem Schlachtfeld, wie ich es mir früher gewünscht habe, sondern durch meine eigene innere Schlacht. Ein Kampf, nicht mehr um das Leben, sondern den Tod.
Von der Geschichte werde ich vergessen werden. Dieses Schreiben, die einzige Erinnerung an mich, in der Hoffnung, dass dies jemand lesen wird, der wirklich etwas verändern wird.
Des Schlafes ewiger Bruder erwartet mich, er ist der dunkle Ruhespender, er bringt mir den ersehnten Frieden.
In seiner Umarmung schlafe ich langsam ein. Meine Umgebung färbt sich samtig rot.
Meine Augen schließen sich. Nun. Für immer.

 

 

Anmerkung des Herausgebers:
Ich habe die vorliegenden Schriften in einem alten Londoner Antiquariat (13, Regent Park) gefunden. Der Originalwortlaut ist französisch, so dass er für diese Ausgabe hier ins Deutsche übersetzt wurde. Eine genaue Datierung ist nicht möglich, doch anhand meiner weiteren Recherche könnte es sein, dass es sich um die Aufzeichnungen einer historisch verbürgten Person handelt. Ja, noch konkreter, einer Frau, deren Taten noch heute in den Geschichtsbüchern zu finden sind. Doch will ich meine Vermutungen nicht auf spekulative Eindrücke münzen, ich lasse des Leser selber seine Schlüsse ziehen und stelle nachfolgend eine weitere gesicherte Schrift dar, die ein Licht in dieses dunkle, blutige und doch auch wieder erhellenden Kapitel unserer Geschichte wirft.

 

Im Namen des Heiligen Gottes und seiner königlichen Instanz auf Erden, unserem König Karl VII:
Durch Beschluss von Karl VII, dem siegreichen König von Frankreich, wird hiermit bestätigt, dass die Tochter des Vaterlandes, Jeanne d‘Arc, genannt Johanna von Orleans, heute den Tod durch den Scheiterhaufen gefunden hat.
Ihr lebloser Körper wurde in ihrer letzten Wohnstätte aufgefunden, wo er das Zeichen der Selbsttötung aufwies.
Für unser nun wieder auferstandenes Königreich kann es nur von Schaden sein, wenn diese Kämpferin Gottes, die so entscheidend zu unserem Sieg beigetragen hat, auf solch frevlerische Weise gestorben ist. Man bedenke die Stimmen aus dem Volke, den Schatten, den es auf Eure königliche Hoheit und auch andere Würdenträger werfen würde.
Im Namen des Königs sollen deshalb alle Akten über das Verfahren verbrannt und durch offizielle kirchliche und staatliche Schriften ersetzt werden. Ein jeder möge tun, was in seiner Macht steht und wenn das letzte Mittel dazu Gold ist, so sollen unsere englischen Brüder dieses in ausreichender Menge erhalten.
Eine Heldin, die durch das Fegefeuer als Märtyrerin gestorben ist, ist das Sinnbild, die nötige Insignie unseres Neuanfanges und das ehrenwerte Banner unseres Landes. Dieser Beschluss ist rechtskräftig und soll ohne Verzögerung ausgeführt werden. Bei Nichtachtung sind Strafen anzusetzen und die nötigen Gelder werden vom Schatzmeister persönlich bereitgestellt werden.
Für Gott, den König von Frankreich und unser geliebtes Vaterland!


Gezeichnet Regnault de Chartres
Erzbischof von Reims
Vorbei. 
Es gab viele Auswege, doch ich habe mich für den Einfachsten entschieden. 
Das ist der Grund, warum ich heute lebe; das habe ich allein mir zu verdanken, ich habe mir selbst ein neues Leben geschenkt. 
Den Richtern habe ich aufs Wort genau das gesagt, was sie hören wollten, doch sie haben es trotzdem nicht erwartet. 
Darum bin ich nun frei, so frei, wie ich noch nie war, und ich kann dadurch ein neues Leben 
beginnen. Jenes wird so grundsätzlich anders sein als meine vorherige Kriegsmacherei, wie ich es mir, im Moment, noch gar nicht vorstellen kann. 
Ich habe mich von meinen Idealen leiten lassen, wie sich sonst nur Narren verleiten lassen können. 
Für mein Vaterland habe ich gekämpft, ein Vaterland, das damals noch nicht existierte. 
Diejenigen, die sich mein Werk zunutze gemacht haben, sind nicht von Idealen geleitet, nur von sich selber, ihrer Machtgier zuliebe. 
Aber bin ich nicht auch selber dieser Machtgier verfallen? Was berechtigt mich dazu, mich von dieser Masse an menschlicher Geier abzuheben? 
Es ist mir gleichgültig, denn meine Utopie hat sich in Realität gewandelt. 
Erst jetzt sehe ich das ungeschminkte Gesicht meiner so schönen Ideen. 
Ein korruptes Konstrukt, das auf Blut gebaut ist; Blut, das ich vergossen habe, im Namen meiner Ideen, die sich nun gegen mich gestellt haben. 
Nun habe ich meinen Kopf selber aus den Flammen geholt, ich lebe… 
Unwichtig scheint mir nun alles, alles was mich umgibt, alles was in diesem Land, ja, in dieser ganzen Welt geschieht, welchen Wert sollte es noch für mich haben? 
Erschöpft und müde, so könnte man mich bezeichnen, und so ähnlich sind diese beiden Begriffe gar nicht. 
Meine Gedanken bewegen sich schnell, wie damals meine Männer in der Schlacht. 
Männer, die Söhne, Väter und Ehemänner waren, die für ein Vaterland gestorben sind, das damals noch in der Wiege lag, und sie nicht kannte. 
Ein Vaterland, das nur geboren werden konnte, indem es seine eigenen Söhne in den Tod geschickt hat – angeführt durch mich. 
Ist es nicht eine Ironie des Schicksals, dass gerade ich diese Aufgabe ausführen musste, die doch scheinbar durch Gottes Willen befürwortet wurde… 
Gott will also, dass Länder aus dem Blut hervorgehen, nur um danach noch mehr Blut vergießen zu können, um ihre Position zu legitimieren? 
Mein Blut bekommen sie nicht, zumindest nicht heute, auch wenn es eine sehr gut geplante Tarnung für ihr Blutvergießen gewesen wäre. 
Nun verlasse ich die Bühne dieses Theaters, das die große Welt darstellt, meine Rolle ist zu Ende gespielt… Nicht durch ein heroisches Ende, sondern in der denkbar verachtenswertesten Art. Zumindest in den Augen derer, die den Mut preisen, diesen Mut, der durstig und hungrig nach Blut und Anerkennung ist. 
Wird jemals jemand diese Bühne besteigen, diese Bühne der Macht, der je an etwas anderes denken wird als an seine Macht? 
Derjenige könnte vielleicht dieses grausige Schauspiel neu besetzen und seine Handlung umschreiben. 
Der Vorhang fällt nicht heute, nicht durch mich, nicht meinetwegen. 
Der Tag war lang und er endet hier, nicht durch meinen Tod, sondern durch 
seinen friedvolleren Bruder, dem Schlaf.